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Verschollene Märchen

Verschollene Märchen

 

Sonderausgabe der Anderen Bibliothek

 

 

 

Ich gebe zu: Das erste, was mir an diesem Buch auffiel, war der fantasievoll gestaltete Einband. Der leicht raue Stoff erinnert an die alten Märchenbücher aus dem Schrank meiner Eltern. Und ein Schwan mit Krone – muss noch jemand an den Schwanenkönig denken? Sobald ich das Märchenbuch in Händen hielt, offenbarte es nach und nach seine weiteren Vorzüge. Davon gibt es meiner Meinung nach reichlich!

 

In Manier der Gebrüder Grimm sammelte Johann Wilhelm Wolf bislang verschollene und fast vergessene Märchen über tapfere Prinzessinnen, verzauberte Schlangen oder mutige Soldaten. Die Geschichten stammen aus Spinnstuben aus dem Odenwald oder Wirtshäusern an der Bergstraße und besitzen einen eigenen Charme. Widerstand, Ungehorsam und List gehören bei den Gebrüder Grimm zu den Eigenschaften der Bösewichte. Wolf zeigt jedoch, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Beispielsweise findet bei ihm ein desertierter Soldat sein Glück, indem er es mit finsteren Räubern aufnimmt. Eine Schlange verliebt sich in einen Bauern und bittet ihn um die Hochzeitsnacht. Und der Gevatter Tod steht Pate für einen schlauen Arzt, der noch lange nicht zu Sterben gedenkt.

 

Für alle, die Märchen lieben, erweist sie diese 2016 erschienene Sammlung als kleines Juwel im Bücherregal. Da viele der Geschichten bisher als unbekannt gelten, kommt beim Lesen bestimmt keine Langeweile auf. Dennoch orientiert sich Wolf beim Schreibstil an den Gebrüdern Grimm, sodass doch eine nostalgische Atmosphäre entsteht.

 

Ich kann das zauberhafte Märchenbuch nur empfehlen. Auf 348 Seiten findet Ihr Geschichten, die zum Nachdenken anregen, das Zwerchfell kitzeln oder einfach zum Träumen einladen. Dabei gefällt mir besonders, dass sich kurze und lange Märchen abwechseln und man sich zeit- und stimmungsabhängig für eine Geschichte entscheiden kann.